 |
|
 |
 |
Mundo Washington
|
| |
Es ist schon alles anders in der Hauptstadt. Keine Hochhaeuser, sondern Prachtalleen wie in Paris, viktorianische Haeuser wie in London und Parks wie in Hamburg. So sieht es aus, das Auge des Sturms, das Zentrum der Macht. Washington ist nicht nur die Hauptstadt Amerikas, es ist die Hauptstadt der freien Welt. Behauptet es wenigstens.
Kein Wunder also, dass ich in den vier Monaten, die ich hier wohne, niemanden getroffen habe, der nicht in irgendeiner Weise mit der Macht verbandelt ist. Oder wenigstens die Welt retten will. Entweder als Think Tanker, bei einem der NGOs (Non-Governmental-Organizations), als Lobbyist oder gleich bei der Regierung. Wer nach Washington kommt, beschloss an irgendeinem Punkt seines Lebens, Politiker zu werden.
Ich nicht. Trotzdem arbeite ich fuer die Deutschen Botschaft. Also fuer die Regierung. Zwar nicht fuer die amerikanische, aber fuer meine eigene. Verkaufe Deutschland an die USA, wie ich Amerikanern meine Arbeit erklaere. Mit anderen Worten, ich mache PR fuer Deutschland. Keine ganz einfache Sache in den letzten Monaten, aber die Dinge bessern sich. Ereignisse, ob in Politik oder Pop, haben eine kurze Halbwertszeit in diesem Land und so haben die typischen Deutschland-Stereotype die amerikanische Veraergerung ueber den abgaengigen Alliierten inzwischen verdraengt. Jedes Wochenende im Oktober war ich auf irgendein Oktoberfest eingeladen. Die scheinen in Amerika aus dem Boden zu spriessen wie Starbucks-Cafes in Deutschland.
Eigentlich hatte ich gar nicht geplant noch hier zu sein. Eigentlich sollte es nach einem dreimonatigen Praktikum in New York zurueck nach Deutschland gehen. Aber mit Kriesen in den Verlagen und schlechter Stimmung zuhause sah das Land der unbegrenzten Moeglichkeiten doch verlockender aus als die Zukunft als freie Journalistin in Deutschland. Dann bekam ich dieses Job-Angebot bei der Botschaft. Also wechselte ich die Seiten vom Journalismus zur Oeffentlichkeitsarbeit, vom Freiberufler zur Angestellten im oeffentlichen Dienst. Und bin inzwischen seit ueber einandhalb Jahren in Amerika, erst in New York und nun in Washington.
Ich habe viel geflucht ueber dieses Land, seine Bigotterie, seine Gegensaetze. Und bin trotzdem zuhause hier. Irgendwie. Verteidige die Amis in Deutschland genauso, wie die Deutschen hier. Fahre zu Halloween nach New York, um den grossen Umzug im West Village zu sehen, freue mich auf Thanksgiving und „Stuffed Turkey with Gravy“. Koche Weihnachts-Ente mit Kloessen fuer meine Freunde. Und frage mich, ob die Ambivalenz dieses Landes durch die der Zerrissenheit seiner Einwanderer verursacht wird, die seit Jahrhunderten zwischen den Kulturen stehen, viel mehr als ich, weil ich weiss, dass ich jederzeit zurueckgehen kann und werde.
Wenn ich morgens aufwache in meinem Zwei-Zimmer-Apartment, fuer das ich meine absurd hohe US-typische Miete zahle, freue ich mich auf den Tag. Jeden Tag.
Karriere wider Willen kann man das nennen, oder ganz amerikanisch: „love your life“.
Kommentare und Leserbriefe bitte direkt an AllStudents.de richten
|
|
 |
 |
|
 |