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Fingerfood und Mr Wichtig
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Neulich habe ich mit ein paar Freunden einen Videoabend gemacht.
Unter anderem gab es “Traffic”, Steven Soderberghs Drogenepos und einer seiner wenigen Filme,
die ich wirklich mag. Waehrend ich den Film also zum zweiten Mal sah, fielen mir – wie das nunmal so ist –
lauter neue Details auf. Unter anderem die Empfaenge, zu denen „Der Vater“
alias „Zukuenftiger-Ober-War-on-Drugs-Mensch-im-Weissen-Haus“, (den Namen habe ich natuerlich vergessen) eingeladen
wird oder die er selbst gibt, um politisch vorwaertszukommen.
Diese Empfaenge haben es also schon nach Hollywood geschafft.
In all ihrer verkrampften Wichtigkeit und allem Schnorrertum, die dazu gehoeren,
wie Bush zum Kampf gegen den Terrorismus.
Nun ist so ein Job an der Botschaft (s. meine erste Kolumne),
ja eine ziemlich priveligierte Angelegenheit. Deshalb war ich selber bei diversen Rezeptionen,
wie so ein Empfang im Diplomaten- und Politikerjargon heisst, eingeladen. Erst in New York, jetzt in Washington.
Es faengt schon mit der Einladungsliste an: Wer wird eingeladen, wie wird eingeladen und vor allem,
wie kann das Durchschnittsalter der Liste auf unter 60 Jahre gesenkt werden, damit alle auch was zu schauen haben.
Schliesslich geht es um sehen und gesehen werden. Und wer will schon immer in die gleichen alten Gesichter schauen.
Wenn alle Einladungen ausgeschickt und alle Zusagen eingegangen sind, faengt das eigentliche Spiel an.
Ich nenne es Menschenschau. Es ist verblueffend zu sehen, wie diese Abende Menschen und ganze Menschentypen
veraendern koennen. Wie sie aus hochbezahlten gelangweilten „Meinungsbildnern“ (denn nur die werden ja zu solchen
Events eingeladen) gierige Raubtiere machen, die die armen kurzberockten Kellnerinnen beinahe niederreissen beim
Vesuch, moeglichst viel Fingerfood auf ihren fettigen Wurstfingern aufzuhaeufen. Wie sie aus unschuldigen
Praktikanten ekelhafte Schleimbeutel machen, die alles umgarnen, was auch nur den kleinsten Anschein von
Wichtigkeit besitzt (mit anderen Worten: alle Anwesenden), in der Hoffnung ein kleines Stueck Glanz mit nach
Hause und als naechste Station in den Lebenslauf eintragen zu koennen. Und wie sie aus Wirtschaftsbossen,
Korrespondenten und Diplomaten besoffene Grapscher machen, denen gar nichts mehr heilig und kein Spruch zu dumm ist.
Und doch sind diese Abende der heilige Gral der Kommunikation.
Hier werden mehr Visitenkarten ausgetauscht, Kontakte geknuepft und Geschaefte lanciert als irgendwo sonst,
inklusive aller Golfplaetze der Welt (was schon daran liegt, dass in einem Flight nicht mehr als vier Spieler sind,
waehrend man auf Empfaengen einige hundert potentielle Geschaeftspartner findet). Hier loesen sich alle
Differenzen in Trunkenheit auf und die guten alten transatlantischen Beziehungen erhalten auf einmal einen
ganz neuen Beigeschmack. Die vielbeschworenen Old-Boys-Netzwerke funktionieren schliesslich auch nicht anders.
Trotzdem, oder vielmehr gerade deshalb:
Jedesmal, wenn ich eine Einladung in der Post finde, sage ich zu.
Das habe ich anscheinend mit Steven Soderbergh gemein,
denn sein Denkmal an noble Empfaenge ist hauptsaechlich deshalb so gut gelungen,
weil er das Geld fuer seine Filme genau hier bekommen hat.
Ich freue mich also auf die naechste Menschenschau. Vielleicht ist Steven ja dabei.
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