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Jetzt sind sie vorbei. Die Straßensperren in Boston und New York sind abgebaut, die Polizeikohorten zurückgezogen und all die Politiker, Möchtegern-Wichtigen und Schaulustigen, all die Demonstranten und Republikaner-Punks sind zurück nach Hause gefahren. Die Parteitage sind vorbei, der Wahlkampf hat begonnen.

Was geblieben ist, was auch nach den Wahlen im November bleiben wird, egal welche Partei gewinnt, ist ein zutiefst gespaltenes Land. Dabei geht es nicht nur um Kerry oder Bush und nicht um Küsten gegen Midwest – der Bruch geht viel tiefer. Es geht um Religion gegen Staat, um Individualismus gegen Kommunismus, um Freiheit gegen Unterdrückung. Und das Verrückte ist: Beide Seiten reklamieren die positiv besetzten Begriffe für sich. Jeder wirft jedem vor, im Unrecht zu sein und will doch nur das Gute. Nicht für sich, sondern für die ganze Welt.

Vielleicht ist es das, was dieses Land so unbegreiflich macht. Schwarz oder weiß, so will man die Welt hier sehen, so wird sie täglich in den Medien dargestellt. Deshalb wählten die Menschen den Mann aus Texas schon vor vier Jahren und deshalb werden sie ihn mit großer Wahrscheinlichkeit in diesem Jahr wiederwählen. Deshalb gibt es so viele Autos mit den runden „W’04“ Aufklebern. Und deshalb haben die Demokraten so einen schweren Stand zu erklären was sie überhaupt wollen und was sie anders machen wollen als die Republikaner. Gut und Böse sind in Amerika noch radikale Gegensätze. Um das Gute zu schaffen, es gegen die Unterdrückung der Heimatländer durzusetzen, sind die ersten Siedler nach Amerika gekommen. Mit dem festen Glauben an einen Gott, der sie hierher schickt, hier aufnimmt, ihnen das gelobte Land verspricht. God bless America. Das ist die Bedeutung hinter dieser immer wiederkehrenden Lobformel auf das eigene Land, das eigene Ego. Bei allen Amerikanern, egal ob Demokraten oder Republikaner.

Wie also soll man den Amis klar machen, dass es nicht so einfach ist, die Welt zu erklären? Das fragen sich die Demokraten auch, die doch eigentlich lieber in Grau-Schattierungen sehen möchten, sich aber nicht trauen, das dem Land zu vermitteln. Neulich gab es eine Karrikatur, auf der Bush und Kerry in einem Heimwerkermarkt vor einer Wand voll Farbtöpfen stehen. Bushs Farbtöpfe heißen „schwarz“ oder „weiß“, Kerrys Farben reichen von „steingrau“ über „mittelgrau“ und „lichtgrau“ bis „schwarzgrau“. Genauso ist es.

Ganz Amerika ist, so scheint es, auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Und alle suchen sie woanders. Aber genauso haben alle diese diffuse Vorstellung davon, dass es eine Zeit gegeben hat, in der die Welt einfacher zu verstehen war. Das ist Amerikas Nostalgie. Und George W. Wahlkampftrick: Er gibt der Mehrheit der Amerikaner das Gefühl, zuhause zu sein. Das Gefühl, dass da jemand ist, der es schon richten wird, der die Welt wieder gut und verständlich macht. Die Gefahr darin, die jedem Deutschen sofort ins Gesicht springt, wird den meisten Amis nicht klar.

Die Mehrheit der Wähler wird sich also wohl im November um ihren alten Präsidenten scharen, der den Familienbegriff auf die staatliche Ebene übertragen hat. Und dann gibts noch die, die nicht mehr an heile Familien glauben mögen. Die sich verloren fühlen, egal wo sie sind. „Displacement“ wird das hier genannt. Das andere Amerika also, das die Counterculture erfunden hat, um mit ihrer Unfähigkeit, an eine einfache Welt zu glauben, umzugehen. Für sie gibt es Filme wie „Garden State“ mit Zitaten wie diesem: „Family is just a group of people looking for the same imaginary home, knowing that they will never find it.” Auch ein Trost.


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