 |
|
 |
 |
Four more years
|
| |
Ich weiß, das hier ist eigentlich eine karriereorientierte Kolumne. Also müsste ich über die Vor- und Nachteile von Karriere an sich und Arbeit in den USA im besonderen schreiben. Aber das wird mal wieder nichts. Denn immer, wenn mir ein gutes Thema eingefallen ist, über das ich schreiben könnte, bricht ein politisches Großereignis über das Land ein.Demnach wird auch dies wieder eine politische Kolumne werden.
Am 2. November ist George W. Bush wiedergewählt worden, wie von der großen Mehrheit der Analysten vorhergesagt. Trotzdem war es ein schwerer Schlag für alle liberal-demokratischen Kräfte in Amerika. Sie haben monatelang gekämpft, um jede Stimme geworben und am Ende doch nur eine Bestätigung des Regierungskurses erreicht. Wer John Kerrys Abschiedsrede gesehen hat, weiß wie tief der Schock reicht: Tief genug, als das Kerry, der emotionslose New England Politiker, mit den Tränen kämpfte. Tief genug, als das sein ganzes Publikum weinte. Tief genug, als das die US-Medien scheinbar auf einmal begreifen, dass ihre Aufgabe nicht Verlautbarungsjournalismus ist, sondern kritische Berichterstattung. Jedenfalls ist es wieder möglich, Zeitungen aufzuschlagen und CNN anzusehen, ohne Einseitigkeit zu finden. „Fair and balanced news“ ist nicht mehr nur der verlogene Werbeslogan des rechts-konservativen Fernsehkanals FOX News, sondern ein allgemeiner Trend der Medien. Hoffentlich bleibt’s dabei.
Der Wahlsieg Bushs ist schlimm, aber seine Aufnahme durch die 48 Prozent der Wähler, die ihn nicht gewählt haben, ist großartig. „Jetzt erst recht“ kursiert es durch das Land. Und das kann Vieles heißen: Massenexodus der Liberalen in die Red-States, den breiten Gürtel der Bush-Wähler, Formierung von Bürgerrechtsgruppen, religiöses Anstreichen der politischen Argumente der Demokraten. Hauptsache, die Moral Values werden nicht den Republikanern überlassen. Amerika muss wieder geeint werden, meint man auch in den demokratischen Kreisen, nur nicht auf konservativer Ebene.
Die Moral Values – sie waren der eigentliche Schock dieser Wahlen. Kein anderes Thema war für die Wahlentscheidung so wichtig. Und das nicht, weil Amerikaner rückständig und dumm sind, sondern weil da grundverschiedene Moralvorstellungen aufeinanderprallen – Unterschiede zwischen Stadt und Land, Traditionalisten und Modernisten, Materialisten und Moralisten. Wer in Europa glaubt, dass diese Unterschiede amerikaspezifisch sind, liegt falsch. Natürlich ist Europa sekulärer als die USA und es ist auch politischer. Aber es sind die gleichen Brüche, die auch dort existieren und sich in Zukunft weiter manifestieren werden. Das 21. Jahrhundert scheint die Religion in das tägliche Leben zurückgebracht zu haben, sei es durch das Christentum oder den Islam. Der Clash of Cultures vollzieht sich nicht nur zwischen Erster, Zweiter und Dritter Welt, sondern auch innerhalb der einzelnen Welten.
Insofern ist die Wertediskussion dringend notwendig. Welche Werte wollen wir warum und auf welche Weise? Das sind die Fragen, die ich mir zur Zeit stelle. Und die mich wohl auch in Zukunft begleiten werden – auf meinem Kulturschock in Deutschland. Denn für mich gehen im Dezember fast drei Jahre USA zu Ende. Bleibt zu sehen, ob ich eher als Amerikanerin oder als Deutsche nach Hause zurückkehre. Bleibt zu sehen, welche Teile welcher Welten darin enthalten sind.
zurück zur Übersicht.
|
|
 |
 |
|
 |