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Operation Physikum
 
Ein Erfahrungsbericht - Teil 2
Eine Woche vor der schriftlichen Prüfung ist dann sogar bei mir die Euphorie verflogen und macht einer ausgewachsenen Panik Platz. Wie bitteschön soll man das gesamte Zentralnervensystem in einem Tag lernen, wenn man in dieser Zeit nicht einmal die Hälfte der Buchseiten durchlesen kann ?
Irgendwie muss es aber trotzdem gehen, man beschränkt sich eben auf 10 von 100 Schwerpunkten und zeigt Mut zur Lücke. Die Anatomiefragen im Physikum decken zum Glück nur einen Bruchteil der unzähligen möglichen Themen ab. Die mitleidigen Blicke und weisen Kommentare der Medizinstudenten, die für das 2.Staatsexamen lernen, bringen mich auch nicht wirklich weiter: Zum ZNS: „das braucht man später alles wieder“ ach nee, ich dachte, ich lerne das alles aus Jux; Zu meiner halbjährigen Vorbereitung: „dann bist du ja eine Einser-Kandidatin.“ oh nein, das erwarten jetzt sicher alle von mir; eine eins schaffen vielleicht 5%, wenn überhaupt, und ich war bisher jedes Mal in einem Freudentaumel, wenn ich eine Klausur überhaupt bestanden habe. Als ich exakt eine Woche vor der schriftlichen die Kombination meiner mündlichen Prüfung erfahre, bin ich erst mal am Boden: Anatomie und Biochemie, der Mercedes und der 5er BMW unter den vorklinischen Fächern. Und dazu noch am erstmöglichen der mündlichen Prüfungstermine.

Am Vortag der ersten schriftlichen Prüfung gelingt es mir noch, die gesamte Biochemie und Physiologie im Schnellstdurchlauf zu wiederholen und damit meinen Hals zu retten. Für die Anatomie reicht es dann aber leider nicht mehr zu Höhenflügen, weil ich mir bei meiner 1-Tages–ZNS-Tour nicht die Verschaltung jeder beknackten Leitungsbahn durch jeden beknackten Kern merken konnte und in Histologie auch nicht bei jeder Frage die Antwortmöglichkeit Makrophagen gegeben ist. Das erstaunlichste an der schriftlichen Prüfung ist meiner Meinung nach die bescheidene Einteilung der Themen: am 1.Tag (Physiologie, Physik, Chemie, Biochemie) weiß man vor lauter Überlegen und Rechnerei nicht, wie man rechtzeitig fertig werden soll und am 2.Tag (Psychologie, Anatomie, Biologie) ist man nach der Hälfte der Zeit fertig, weil man die Fragen entweder beantworten kann oder eben nicht. Insgesamt gesehen fühlt man sich beim Kreuzen allerdings recht wohl, weil man dabei in seinem Element ist – sofern man in der Vorbereitung auch schön fleißig gekreuzt hat.

Nach der schriftlichen Prüfung ist erst mal zwei Tage relaxen angesagt, gefolgt von vier mehr oder weniger produktiven Tagen Lernerei und dann kommt endlich der gefürchtete Tag der mündlichen Prüfung. Die Tatsache, dass diese auf dem Präpariersaal stattfindet, der mit seinem durchdringenden Geruch bei mir längst verschüttet geglaubte Erinnerungen an das grausame zweite Semester zutage fördert, trägt nicht unbedingt zum allgemeinen Wohlbefinden bei. Dafür ist unser guter alter Anatomieprofessor so weichherzig wie in keinem seiner Anatomietestate – eine fast geschenkte Prüfung. In Biochemie komme ich arg ins Rudern, obwohl das eigentlich mein Spitzenfach ist. Dummerweise habe ich aber fast die gesamte Wiederholung auf Anatomie beschränkt. Großer Fehler! Über die erste (und wichtigste) der drei Fragerunden kann ich mich nur mit Mühe und Not retten, in Runde zwei steigt eine der drei anderen Prüflinge wegen „körperlichen Unwohlseins“ aus. Ein Novum für die beiden Professoren, die sichtlich ratlos das weitere Procedere in ihrem Leitfaden für Prüfer nachschlagen. Wie sich herausstellt, gilt die Prüfung schlicht als nicht bestanden, da die obligatorische Fühlen-Sie-sich-körperlich-in-der-Lage-Frage zu Beginn gestellt worden war. Was die Prüfungsthemen angeht, ist eine auffällige Wiederholung alter Fragen zu vermerken, die sich der findige Student auf der inoffiziellen Uni-Website mit Prüfungsprotokollen zu Gemüte führen sollte. Aus Gründen der Fairness und der Faulheit greifen die Profs offenbar immer auf den gleichen Wissensfundus zurück. Nach der Prüfung folgt wie immer eine kurze Phase der Euphorie, besonders wenn noch andere zum Mitfreuen dabei sind. Aber am Ende wartet nach dem wochenlangen Adrenalinkick das tiefe Loch, in das man mit schöner Regelmäßigkeit stürzt, wenn die Anspannung von einem abgefallen ist...

Rahel Kress

 

 

 

 

 

 

 

 

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